Transhumanismus/Posthumanismus

26. September 2010

Rezension: Posthumanismus, eine kritische Einführung von Stefan Herbrechter

Filed under: Rezension — Schlagwörter: — berndvo @ 07:16

In aller Regel hinken die Diskurse der Geisteswissenschaftler den technologischen Entwicklungen zeitlich weit hinterher. Insofern ist es grundsätzlich als ausgesprochen positiv zu bewerten, dass sich hier ein Geisteswissenschaftler mit einem Gebiet befasst, das ansonsten fast ausschließlich von Technologen und Naturwissenschaftlern kultiviert wird.  Bezüglich des Trans- und des Posthumanismus nehmen Geisteswissenschaftler meistens eine sehr kritische bis völlig ablehnende Position ein. Der Standpunkt des Autors liegt dagegen wohltuend zwischen den extremen Positionen der Euphoriker wie z.B. Ray Kurzweil und Hans Moravec auf der einen und Bedenkenträgern wie Jürgen Habermas auf der anderen Seite. Er bezeichnet das als „kritischen Posthumanismus“. So beschreibt er sowohl die Gefahren und Herausforderungen  der technologischen Entwicklung als auch die Chancen für unsere Gesellschaft. Weiterhin muss nach Ansicht des Autors die Auseinandersetzung mit dem Posthumanismus zu einem Überdenken des althergebrachten Humanismusbegriffs führen. Er zeigt, dass es sich bei der „menschlichen Natur“ letztlich um einen mystischen Begriff handelt. Die Problematisierung des Humanismus soll dabei nicht zu einer Dehumanisierung und zum Nihilismus führen, sondern eher zu einer Reinigung, indem man sich von Mystik und inhaltsleeren Begriffen verabschiedet, wie z.B. Seele, Menschenwürde und freier Wille. Als Konsequenz schreibt er: „Die Humanwissenschaften von morgen werden sich mit dem „Menschen Eigenen“ neu beschaffen müssen, wohlwissend dass keine der traditionellen Eigenheiten oder Abgrenzungen zwischen human und nichthuman vor der Wissenschaft oder der Dekonstruktion Bestand haben.“

Als eher kleinere Kritikpunkte sind anzuführen, dass keine klare Unterscheidung zwischen Transhumanismus und Posthumanismus getroffen wird. Allgemein gilt, dass posthumane Wesen solche sind, die keinen menschlichen Anteil mehr haben, also in der Regel Wesen auf der Basis reiner künstlicher Intelligenz. Genoptimierte oder mit technischen Mitteln „verbesserte“ Menschen gelten dagegen als transhuman.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der, den man insbesondere als Naturwissenschaftler bei den meisten geisteswissenschaftlichen Abhandlungen findet. Bei einer Veröffentlichung, die einen größeren Leserkreis ansprechen soll, sollte man den Text nicht unnötig mit Fremdwörtern und Fachjargon überfrachten. Häufig dient das ohnehin nur dazu, trivialen Dingen einen wissenschaftlichen Anstrich zu verpassen. Weiterhin sollte man nicht ohne Not ständig andere Autoren zitieren. Letzteres führt dann meist zu dem Urteil, dass es sich bei dem vorliegenden Text um Tertiärliteratur handelt. Ziel eines solchen Buches sollte es nicht sein, den Leser von der sprachlichen Gewandtheit und Belesenheit des Autors zu überzeugen, sondern die eigenen Ideen des Autors verständlich zu machen.

Dennoch gibt das Buch einen sehr guten Überblick über die philosophische Problematik und die geisteswissenschaftliche Literatur zum Thema. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch dazu beiträgt, die Diskussion über den Trans- und den Posthumanismus auch in geisteswissenschaftlichen Kreisen salonfähig zu machen und damit der weit verbreiteten Ansicht entgegengewirkt, dass es sich dabei doch nur um Science Fiction Träume von durchgeknallten Naturwissenschaftlern handelt.

Bernd Vowinkel

1 Kommentar »

  1. […] Posthumanismus. Eine kritische Einführung. […]

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