Transhumanismus/Posthumanismus

19. Juni 2014

Mensch als Auslaufmodell

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Hintergrund. Technoreligion: KI-Forscher, Robotiker und Technikphilosophen entwerfen Szenarien einer »posthumanen Zivilisation«

Von Thomas Wagner

 
Im Herbst 1985 unternahm der marxistische Soziologe Hans G Helms eine Studienreise in die USA, wo er mit einer ganzen Reihe von Wissenschaftlern im Bereich der Mikroelektronik sprach. Einer von ihnen war James McAlear, damals Präsident des Unternehmens Gentronix Laboratories, das sich auf die Forschung und Entwicklung von organischen Mikroprozessoren spezialisiert hatte. Sie sollten eine milliardemal kleiner und leistungsfähiger als die damals gebräuchlichen Siliziumchips sein. Das alles diene, so McAlear, dem »wichtigsten Ereignis in der Geschichte der Menschheit«1, der »Entwicklung von Computerkapazitäten, die die des Menschen eigenen ›Computers‹ übertreffen werden«. Es gebe keinen Grund, warum diese Roboter sich dann nicht selbst bauen und entwerfen könnten. Allerdings bestünde dann die Gefahr, daß der Mensch durch seine Sklaven versklavt werden könnte. Für Kevin Ulmer, den damaligen Direktor des Zentrums für weiterführende biotechnologische Forschungen an der Staatsuniversität von Maryland (USA) waren das haltlose Spekulationen. Er bezeichnete seinen Kollegen als Scharlatan.
 
 
weiterlesen:
http://www.jungewelt.de/2014/06-17/012.php
 

26. September 2010

Rezension: Posthumanismus, eine kritische Einführung von Stefan Herbrechter

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In aller Regel hinken die Diskurse der Geisteswissenschaftler den technologischen Entwicklungen zeitlich weit hinterher. Insofern ist es grundsätzlich als ausgesprochen positiv zu bewerten, dass sich hier ein Geisteswissenschaftler mit einem Gebiet befasst, das ansonsten fast ausschließlich von Technologen und Naturwissenschaftlern kultiviert wird.  Bezüglich des Trans- und des Posthumanismus nehmen Geisteswissenschaftler meistens eine sehr kritische bis völlig ablehnende Position ein. Der Standpunkt des Autors liegt dagegen wohltuend zwischen den extremen Positionen der Euphoriker wie z.B. Ray Kurzweil und Hans Moravec auf der einen und Bedenkenträgern wie Jürgen Habermas auf der anderen Seite. Er bezeichnet das als „kritischen Posthumanismus“. So beschreibt er sowohl die Gefahren und Herausforderungen  der technologischen Entwicklung als auch die Chancen für unsere Gesellschaft. Weiterhin muss nach Ansicht des Autors die Auseinandersetzung mit dem Posthumanismus zu einem Überdenken des althergebrachten Humanismusbegriffs führen. Er zeigt, dass es sich bei der „menschlichen Natur“ letztlich um einen mystischen Begriff handelt. Die Problematisierung des Humanismus soll dabei nicht zu einer Dehumanisierung und zum Nihilismus führen, sondern eher zu einer Reinigung, indem man sich von Mystik und inhaltsleeren Begriffen verabschiedet, wie z.B. Seele, Menschenwürde und freier Wille. Als Konsequenz schreibt er: „Die Humanwissenschaften von morgen werden sich mit dem „Menschen Eigenen“ neu beschaffen müssen, wohlwissend dass keine der traditionellen Eigenheiten oder Abgrenzungen zwischen human und nichthuman vor der Wissenschaft oder der Dekonstruktion Bestand haben.“

Als eher kleinere Kritikpunkte sind anzuführen, dass keine klare Unterscheidung zwischen Transhumanismus und Posthumanismus getroffen wird. Allgemein gilt, dass posthumane Wesen solche sind, die keinen menschlichen Anteil mehr haben, also in der Regel Wesen auf der Basis reiner künstlicher Intelligenz. Genoptimierte oder mit technischen Mitteln „verbesserte“ Menschen gelten dagegen als transhuman.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der, den man insbesondere als Naturwissenschaftler bei den meisten geisteswissenschaftlichen Abhandlungen findet. Bei einer Veröffentlichung, die einen größeren Leserkreis ansprechen soll, sollte man den Text nicht unnötig mit Fremdwörtern und Fachjargon überfrachten. Häufig dient das ohnehin nur dazu, trivialen Dingen einen wissenschaftlichen Anstrich zu verpassen. Weiterhin sollte man nicht ohne Not ständig andere Autoren zitieren. Letzteres führt dann meist zu dem Urteil, dass es sich bei dem vorliegenden Text um Tertiärliteratur handelt. Ziel eines solchen Buches sollte es nicht sein, den Leser von der sprachlichen Gewandtheit und Belesenheit des Autors zu überzeugen, sondern die eigenen Ideen des Autors verständlich zu machen.

Dennoch gibt das Buch einen sehr guten Überblick über die philosophische Problematik und die geisteswissenschaftliche Literatur zum Thema. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch dazu beiträgt, die Diskussion über den Trans- und den Posthumanismus auch in geisteswissenschaftlichen Kreisen salonfähig zu machen und damit der weit verbreiteten Ansicht entgegengewirkt, dass es sich dabei doch nur um Science Fiction Träume von durchgeknallten Naturwissenschaftlern handelt.

Bernd Vowinkel

13. November 2009

Über den Transhumanismus zur „posthumanen Gesellschaft“?

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Von Nina Hager

 

Schon der englische Science-Fiction-Autor H. G. Wells spekulierte, beeinflusst und beeindruckt durch Charles Darwins „Entstehung der Arten“, vor über 100 Jahren über die Zukunft des Menschen. Nach Wells hofften viele Autoren, „dass sich der Mensch biologisch zum Homo Superior vervollkommne, langlebiger werde, dass der Intellekt anwachse oder sich telepathische Fähigkeiten herausbildeten oder sie fürchteten eine Verschlechterung des menschlichen Erbmaterials“.(1) In jener Zeit konnten sie beispielsweise auch noch an Vorstellungen von Francis Galton anknüpfen, der in seiner „Eugenik“ (Galton nutzte 1883 als erster diesen Begriff), in Anlehnung an Erfahrungen aus der Tierzucht, aufgrund seiner enthusiastischen Auslegung der Darwinschen Selektionstheorie – und völlig überzogen – die Möglichkeit einer „Veredelung“ und „Höherentwicklung der Menschheit“ in Betracht zog.

Sehr bald wurden solche und ähnliche Vorstellungen im Herrschaftsinteresse des Kapitals genutzt und oft für antihumane Ziele missbraucht. Barbarische, mörderische Folgen hatte die Anwendung der faschistischen Rassentheorie.

Heute gibt es wieder Leute, die sich unter Berufung auf die Erkenntnisse und Entwicklungen der Wissenschaft vehement für eine „Verbesserung und Höherentwicklung“ des Menschen (und damit scheinbar auch der Gesellschaft) mit Hilfe der Biologie bzw. Gentechnik einsetzen. Da aber Wissenschaft und Technik seit der Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts auch auf anderen Gebieten entscheidend weiterentwickelt wurden, sind die „Heilserwartungen“ bei einer Reihe von Leuten heute nicht mehr nur auf Gebiete der Biologie beschränkt. Die Hoffnung wird in neue Technologien gesetzt: in Nanotechnologie, in Gen- und Biotechnologie, in die Biogerontologie, in die Kryonik, in die Kognitionswissenschaft, in die neuen Informationstechnologien, in die Entwicklung künstlicher Intelligenz und andere.

Eine Reihe von ihnen organisieren sich heute in „transhumanistischen“‚ Kreisen.

Schauen wir uns einmal an, was sich dahinter verbirgt.

weiterlesen im Originalartikel

6. Juli 2009

Auf dem Weg zum Transhumanismus?

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Technischer Fortschritt und Menschenbild

von Bernd Vowinkel

Ethische Grundlage und Definition des Transhumanismus

Jede Gesellschaft braucht verbindliche Normen um überleben zu können. Für solche Normen haben wir zusätzlich den Anspruch, dass sie Humanität, Freiheit und Gerechtigkeit fördern. Atheisten bzw. Agnostiker verneinen bei der Festlegung solcher Normen die letzte Berufung auf religiöse Autoritäten. Es muss also der Versuch unternommen werden, diese Normen alleine mit Vernunft, Verstand und rein wissenschaftlichen Methoden zu erstellen. Eine Lösung bietet der Utilitarismus, die Lehre von der Nützlichkeit. Der moderne Utilitarismus ist in der Form des Regelutilitarismus (nach Mill) mit Ergänzungen der Fairness und der Gerechtigkeit (nach Lyons) der christlichen Ethik nicht nur ebenbürtig, sondern weit überlegen, weil seine Quellen ausschließlich Verstand und Erfahrung sind und weil auf Hokuspokus vollständig verzichtet wird. Damit ist er eine ideale Ethiktheorie für den Neuen Humanismus.

Zum Prinzip der Nützlichkeit schreibt Bentham:

Die Natur hat die Menschheit unter die Herrschaft zweier souveräner Gebieter – Leid und Freud – gestellt. Es ist an ihnen allein aufzuzeigen, was wir tun sollen, wie auch zu bestimmen, was wir tun werden. Sowohl der Maßstab für Richtig und Falsch als auch die Kette der Ursachen und Wirkungen sind an ihrem Thron festgemacht. Sie beherrschen uns in allem, was wir tun, was wir sagen, was wir denken: jegliche Anstrengung, die wir auf uns nehmen können, um unser Joch von uns zu schütteln, wird lediglich dazu dienen, es zu beweisen und zu bestätigen. Jemand mag zwar mit Worten vorgeben, ihre Herrschaft zu leugnen, aber in Wirklichkeit wird er ihnen ständig unterworfen bleiben. Das Prinzip der Nützlichkeit erkennt dieses Joch an und übernimmt es für die Grundlegung jenes Systems, dessen Ziel es ist, das Gebäude der Glückseligkeit durch Vernunft und Recht zu errichten.

Während der Freude keine allzu großen natürlichen Grenzen gesetzt sind, gibt es ein Grundmaß an Leid, dass durch die Unzulänglichkeiten unserer Körper festgelegt ist. Die Reduzierung bzw. Überwindung dieses Leids will der Transhumanismus durch Veränderungen des menschlichen Körpers erreichen.

Die Bezeichnung Transhumanismus wurde erstmals 1957 vom Biologen Julian Huxley (Bruder: Aldous Huxley) geprägt. Er definiert den Transhumanismus als:

„Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet.“

Diese Definition beschränkt sich auf die medizinischen und technischen Möglichkeiten. Modernere Definitionen beziehen auch noch eine entsprechende weltanschauliche Position und den Posthumanismus mit ein. So z.B. Max More:

„Transhumanismus ist eine Kategorie von Anschauungen, die uns in Richtung eines posthumanen Zustands führen. Transhumanismus teilt viele Aspekte mit dem Humanismus, einschließlich eines Respekts vor Vernunft und Wissenschaft, einer Verpflichtung zum Fortschritt und der Anerkennung des Wertes des menschlichen (oder transhumanen) Bestehens in diesem Leben. Transhumanismus unterscheidet sich vom Humanismus im Erkennen und Antizipieren der radikalen Änderungen in Natur und Möglichkeiten unseres Lebens durch verschiedenste wissenschaftliche und technologische Disziplinen.“

Mit dieser Definition ist klar, dass nicht jeder Humanist automatisch auch Anhänger des Transhumanismus ist. Vertreter der christlichen Kirchen sehen im Transhumanismus sogar eher eine Perversion des Humanismus. Die Transhumanisten sind international organisiert in der „World Transhumanist Association“ (WTA). Der deutsche Ableger davon ist die „Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus“.
http://www.transhumanism.org/index.php/WTA/index/

Technologien des Transhumanismus

Die wichtigsten für den Transhumanismus in Frage kommenden Technologien sind:

1.) Gentechnik, Stammzellentherapie

2.) Prothetik

3.) Neuronale Implantate, künstliche Intelligenz

4.) Upload

5.) Kryonik

Mit Hilfe dieser Technologien werden transhumane Wesen entstehen, die dem normalen Menschen in Lebenserwartung, Gesundheit, körperlicher und geistiger Fitness überlegen sein werden. Solange noch Wesen mit menschlichen Anteilen vorhanden sind, bezeichnet man eine solche Zivilisation als transhuman. In Abb.1 ist die erwartete Entwicklung von der humanen Zivilisation über die transhumane Zivilisation bis zur posthumanen Zivilisation dargestellt. Diese Darstellung und auch die latinisierten Bezeichnungen stammen von Ian Pearson, der bei der British Telecom als Futurologe arbeitet. Über die zeitliche Entwicklung von der transhumanen zur posthumanen Zivilisation kann man im Moment nur spekulieren, insofern ist die in die Zukunft gerichtete Zeitskala unbestimmt. An der dargestellten generellen Entwicklung haben aber die meisten Experten kaum große Zweifel.

Transhumanismus

Abb.1: Die erwartete Entwicklung unserer Zivilisation (nach Ian Pearson, mit kleinen Änderungen)

In der Zukunft können immer mehr Organe durch künstliche Bauteile ersetzt werden. Dies kann sogar soweit führen, dass eine Verbesserung der Lebensqualität gegenüber normalen Menschen erreicht wird. Schließlich können womöglich unsere geistigen Leistungen durch neuronale Implantate gesteigert werden. Solche Menschen (Homo Cyberneticus bzw. Cyborgs) werden in der Gesellschaft gegenüber Anderen Vorteile erlangen. In etwas weiterer Zukunft könnte es genoptimierte Menschen (Homo Optimus) geben, bei denen die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten stark reduziert ist und deren Lebenserwartung erheblich gesteigert ist. Kombiniert man die Möglichkeiten der Kybernetik mit der Genmanipulation, so könnte man die Überlegenheit noch weiter steigern (Homo Hybridus).

Solange noch biologische Anteile am Körper vorhanden sind, wird sich der Prozess des Alterns bis hin zum Tod nicht restlos aufhalten lassen. Weiterhin ist die Energieversorgung in einem hybriden Wesen recht kompliziert und aufwändig. Der einzige Ausweg wäre die Übertragung der menschlichen Person auf einen komplett künstlichen Körper (Homo Machinus). Im Moment ist das noch reine Science Fiction. Dennoch ist es nicht auszuschließen, dass es vielleicht in der fernen Zukunft möglich sein könnte, die Ich-Identität eines Menschen bzw. eines Cyborgs aus dem Gehirn auszulesen und auf einen Roboter oder Androiden zu übertragen (siehe „Upload“).

Parallel zu der Entwicklung von Wesen mit menschlichen Anteilen wird die Entwicklung von Wesen auf rein künstlicher Basis voranschreiten. Angefangen von ersten, vollständig autonomen Robotern (Robotus Primus), wie sie bereits schon jetzt ansatzweise existieren, werden sie in den folgenden Jahrzehnten intelligenter und selbständiger werden. Ihr Aussehen und ihre Fähigkeiten werden sich womöglich stark unterscheiden und mit der Zeit weiter auseinanderdriften, so dass längerfristig gesehen eine Vielzahl äußerst unterschiedlicher Roboter (Robotus Multitudinus) bzw. Androiden existieren werden. Sie werden schließlich alle transhumane Wesen an Leistungsfähigkeit, Qualität und Würde in jeder Hinsicht übertreffen. Auf sehr lange Sicht gesehen, werden die physischen Grundlagen für die Existenz von Wesen mit biologischen Anteilen auf unserem Planeten nicht mehr gegeben sein. Künstliche Intelligenz bzw. Roboter können aber weit über diesen Zeitraum noch existieren. Eine solche Zivilisation wird als posthuman bezeichnet.

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